Der heutige Blog fällt mir bisher am schwersten. Einerseits ist unser neuer Guard Justin Kier weder der Spielertyp noch der Spieler mit der Vita, die ich erwartet hatte. Andererseits ist seine letzte Saison eine absolute Blackbox. Der 28-Jährige wechselt aus der dritten griechischen Liga nach Ludwigsburg – eine Personalentscheidung, die mich schlicht perplex zurücklässt.
Ein ungewöhnlicher Werdegang
Justin Kiers bisherige Stationen sind zunächst interessant und zeigen, dass er durchaus Potenzial hat, allerdings auch einen ungewöhnlichen Karriereverlauf. Seine Basketballkarriere begann am George Mason College. Besonders erfolgreich war seine zweite Saison 2018/19, in der er 14.5 Punkte, 6.5 Rebounds und 2.6 Assists auflegte. Zur Saison 2020/21 wechselte Kier an das renommierte College von Georgia, bevor es ihn nach Arizona zog, wo auch Ivan Kharchenkov (ehemals Bayern München) spielte. Seine College-Statistiken waren insgesamt solide: weder herausragend noch schwach. Nachdem er 2022 nicht gedraftet wurde und sich auch über die Summer League keinen Platz in der NBA erspielen konnte, ging es für den Guard nach Texas zu den Austin Spurs, dem Farmteam der San Antonio Spurs. In seiner ersten Saison legte Kier dort gute Zahlen auf und war unter anderem Teamkollege von Tommy Kuhse, welcher 38 Spiele absolvierte und 8.8 Punkte, 3 Rebounds und 3.1 Assists auflegte. Im zweiten Jahr halbierte sich seine Spielzeit nahezu; entsprechend sanken auch Punkte und Assists. Immerhin blieb seine Wurfquote einigermaßen stabil.
Da es in der G-League eher rückwärts als vorwärts ging, wagte Justin Kier zur Saison 2024/25 den Sprung nach Europa in die BNXT-League, genauer gesagt zu den Heroes Den Bosch. Für das Team startete der 1.93 Meter große Guard in 25 von 42 Spielen und spielte dort unter anderem an der Seite von Samuel Williamson (letzte Saison in Heidelberg) sowie von Le’tre Darthard (in der kommenden Saison in Oldenburg). In der letzten Saison spielte Kier dann für Apollon Patras in der dritten (!) griechischen Liga und ja, diese Tatsache macht mir Sorgen. Patras ist der neue Club von Dirk Bauermann. Da wir es hier nur mit der dritten griechischen Liga zu tun haben, gibt es allerdings keinerlei Statistiken, was sowohl meine Einordnung im Blog als auch die komplette Verpflichtung für mich noch unverständlicher und vor allem riskanter machen. Zahlen erzählen nicht die ganze Warheit, sind allerdings ein großer Teil davon.
Statistiken:
| Saison | Team | Spiele | Min | PTS | REB | AST | FG% | STL | TO |
| 22/23 | Austin Spurs | 32 | 27.3 | 8.4 | 3.2 | 4.2 | 42.1 | 1.2 | 1.9 |
| 23/24 | Austin Spurs | 32 | 15.3 | 4.1 | 2.7 | 2.4 | 42.3 | 0.9 | 1.5 |
| 24/25 | Den Bosch | 42 | 24.7 | 10.8 | 3.3 | 4.5 | 48.1 | 1.2 | 2.3 |
| 25/26 | Apollon Patras | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. |
Der Versuch des offensiven Scoutings
Die MHP RIESEN haben mir mit Justin Kier eine besondere Herausforderung gestellt und auch wenn mich die Verpflichtung auf den ersten Blick nicht begeistert und wir wenige Zahlen zur Einordnung haben, versuchen wir es dennoch mal.
Wer Justin Kier im Einsatz sehen möchte, hat die Möglichkeit, sich Spiele von Patras über YouTube anzusehen. Unser neuer Guard trägt dabei das Trikot mit der Nummer 1.
Wenn wir uns das Offensiv-, Defensiv- und Net-Rating während seiner Karriere anschauen fällt auf, dass sein Net-Rating in seiner ersten Saison in Austin zwar deutlich im negativen Bereich war (-15.7), allerdings damit komplett im Mittelfeld eines wirklich schwachen Teams lag. Der Ex-RIESE Kuhse hatte bspw. ein Net-Rating von -18.0. Sein reines Offensiv-Rating in dieser Saison entsprach ungefähr dem des Teamdurchschnitts. In seinem zweiten Jahr wurden die Spurs deutlich stärker, weshalb auch seine Spielzeit sank. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Offensive mit ihm auf dem Feld unterdurchschnittlich schwach und die Defensive durchschnittlich war. So kam er auf ein Net-Rating von -18.2 und damit auf das drittschlechteste Net-Rating aller 22 eingesetzten Spieler. Im zweiten Jahr ist auch seine Turnover-Quote gestiegen, während die Assist-Quote ungefähr gleichblieb.
Wenn wir nun auf seine Zeit in den Niederlanden schauen, sieht man, dass sich die Turnover-Quote mit 19.1 % wieder in Richtung 22/23 bewegte, während er mit einer Assist-Quote von 29.8 % diese um ca. 9 % ausbauen konnte. Sein Wurf war in dieser Saison in Ordnung, allerdings nicht herausragend. Die effektive Feldwurfquote war ungefähr auf dem Niveau, welches Tray Buchanan in der vergangenen Saison verbuchen konnte. Was mir allerdings nicht gefallen hat, ist, dass seine Ratings bei Den Bosch wieder im unteren Durchschnittsbereich lagen. So war sein Team beim Offensiv-Rating um 6 Punkte besser als das Rating mit ihm auf dem Feld. Auch im Bereich Net-Rating ist er dadurch auf dem viertletzten Platz. Dies sind Werte, welche nicht unbedingt positiv sind, gerade ein Net-Rating von 2.3, wenn man vergleicht, dass bspw. Darthard ein Offensiv-Rating von 134.3 (Kier 109.8) und ein Net-Rating von 26.3 Punkten auflegen konnte. Zur weiteren Einordnung: Den Bosch lag als Team bei einem Offensiv-Rating von 115.1 und einem Net-Rating von 8.8.
Ähnlich detailliert kann ich die letzte Saison leider nicht analysieren, da mir hier leider keinerlei Statistiken vorliegen. Da Kiers Net-Ratings allerdings immer am unteren Rand seiner Teams lagen und oftmals das Offensiv-Rating dessen im Schnitt besser ist als sein persönliches, macht mir die Offensive aktuell keine große Hoffnung. Es ist nicht nur ein Jahr, sondern es zieht sich über alle drei Jahre. Selbst wenn wir seine Zeit in Arizona und Georgia betrachten, waren die Teams ohne ihn immer stärker als mit ihm. Für mich bei meiner Zahleninterpretation ein absolutes Warnsignal.
Der Versuch eines defensiven Eindrucks
Was sich in der Offensive bereits als kompliziert dargestellt hat, wird in der Defensive nicht einfacher. Auch hier liegen aus der letzten Saison keinerlei Zahlen vor, geschweige denn erweiterte Statistiken, welche in meinen Augen sehr viel aussagen können. In Den Bosch waren seine defensiven Statistiken in Ordnung. Mit einem Defensiv-Rating von 107.4 war dieses jedoch einen Punkt schlechter als der Teamdurchschnitt mit 106.3. Der Einfluss von Kier auf die Defensive von Den Bosch war also kaum merklich. Anders verhält es sich hier mit Spielern wie Williamson (100.8). Der Oldenburger Darthard war in der Defensive etwas schwächer (108.0), wobei wir bereits über das grandiose Net-Rating gesprochen haben. Kiers Steal-Quote war ebenso im absoluten Durchschnitt des Teams. Während seiner Zeit bei den Austin Spurs war sein Defensiv-Rating ebenfalls im absoluten Teamdurchschnitt. Damit war er weder herausragend noch, wie in der Offensive nach den Zahlen, besonders schlecht. Auch hier waren die Steal-Quoten im absoluten Durchschnitt.
Wenn die Zahlen wenig aussagen, muss das Videoscouting sitzen
Die Zahlen, auf welche die MHP RIESEN zugreifen konnten, waren nur bedingt vorhanden und wenn, dann nicht besonders überragend. Dementsprechend muss hier die Aussage von Scouts, Experten und das Videoscouting Eindrücke vermittelt haben bzw. stammen diese Eindrücke aus einer Zeit in Den Bosch. Das Spannende an der dritten griechischen Liga ist, dass es zwar keine vollständig erfassten Statistiken gibt, viele Spiele, zumindest von Patras, aber über YouTube übertragen wurden. So habe ich mich hingesetzt, um einiges an Inhalten über Justin Kier rauszufinden.
Demnach hat Kier auf beiden Guard-Positionen gespielt und war dabei nicht unbedingt der klare Point Guard. In einem Playoff-Game 2, das ich gesehen habe, wirkt er weder offensiv noch defensiv besonders angestrengt, allerdings auch nicht sonderlich dominant. Es wirkt so, als würde er sich dem Niveau der Liga anpassen und in deren Rahmen nicht besonders gefordert sein. Man muss allerdings auch sagen, dass sein Team ihn nicht unbedingt gesucht hat, sondern er immer wieder wie ein Fremdkörper wirkte. Wenn er einmal in Position kam, sah man sofort, dass er unterfordert ist und er das Spiel dominieren könnte. In diesem Spiel konnte man ebenfalls beobachten, dass der Gegner versuchte, Kier eng zu decken und ihm möglichst keinen Ball zu geben, sein Team machte allerdings nicht den Anschein, ihn finden zu wollen. Was faszinierend und merkwürdig zugleich ist, mit einem Rückstand von 2 Punkten und noch knapp 22 Sekunden zu spielen übernahm nicht Kier den Spielaufbau, sondern ein weiterer Point Guard, welcher subjektiv betrachtet deutlich unsicherer agierte und folgerichtig den Ball im Vortrag verlor.
Auch in einem zweiten Spiel hatte man von Anfang an das Gefühl, dass Kier der überragende Mann sei, allerdings mit stark angezogener Handbremse spielte. Obwohl er unfassbar dominant sein könnte, gab er meistens früh den Ball aus der Hand und bekam ihn im Verlauf des Angriffs kaum mehr wieder. Bei jedem Zug zum Korb fand er gute Entscheidungen, oftmals den Pass zum abrollenden Mitspieler. Es gab unzählige Angriffe, in denen kam Kier nicht an den Ball, als sei seine einzige Aufgabe, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Selbst wenn er komplett frei an der Dreierlinie stand, wurde der Pass lieber zu einem Mitspieler gesucht. Wenn er mal aufdrehte, merkte man sofort, in die dritte Liga gehört Kier mit Sicherheit nicht.
Was in seiner Zeit in den Niederlanden auffällt, ist, dass er nicht unbedingt seinen eigenen Wurf sucht, sondern sauber versucht abzuwägen, ob sein Wurf oder ein Pass die bessere Möglichkeit bietet zu scoren. Er hat einen guten Körper, um sich durchzusetzen und kann auch mal den tiefen Outlet-Pass spielen.
Mein Fazit – Was ist meine Meinung zu Justin Kier
Puh. Es gibt definitiv leichtere Fragen zu beantworten. Ich finde es immer wieder spannend, wie sich meine Meinung im Rahmen des Scoutings immer wieder verändert. Was man mit Sicherheit sagen kann, Justin Kier gehört mit Sicherheit nicht in die dritte griechische Liga. Der Mann ist Double-Sieger mit Den Bosch geworden, hat eine gute Regular Season gespielt, ist allerdings in den Playoffs sehr abgefallen. Aus seiner Rolle in Griechenland bin ich nicht schlau geworden. Man hat sofort gemerkt, der Mann ist der beste Spieler auf dem Feld, aber entweder nimmt er sich so zurück, dass er nicht die komplette Liga dominiert oder seine Rolle war so definiert, dass er sein Team besser machen soll und dabei sich selbst deutlich zurücknehmen muss. Ich glaube, wenn er nicht mit angezogener Handbremse gespielt hätte und das Spiel auf ihn zugeschnitten worden wäre, dann wären 30 Punkte im Schnitt möglich gewesen. Die Liga hat ihn allerdings nicht wirklich gefordert, dementsprechend ist die Frage, inwieweit hat er sich in der vergangenen Saison überhaupt entwickeln können. Menschen entwickeln sich in der Regel, wenn sie gefordert werden und nicht wenn sie unterfordert sind. Deshalb kann man ggf. von einem verlorenen Jahr sprechen und Kier ist bereits 28. Wir haben hier keinen Rookie mit 23 oder 24 Jahren. Dies ist der erste Punkt, der mich diese Verpflichtung sehr kritisch sehen lässt. Ich hätte mir gewünscht, Kier im direkten Duell gegen ähnlich starke Gegner zu sehen, um besser einschätzen zu können, wie sein Skillset aussieht. Meine Einschätzung ist allerdings, vom reinen Skillset sollte er eine Rolle in der Bundesliga spielen können. Nicht als der große Leader und künftiger Star der Liga, aber als guter Rollenspieler.
Der andere Punkt, der mit absolut nicht gefällt und der bei meinem Scouting-Ansatz einen großen negativen Punkt gibt, sind die Direktvergleiche mit Darthard und Williamson sowie allgemein die Net-Ratings aus den letzten 5 Saisons. Beginnen wir mit Den Bosch. Ein Darthard, welcher nun nach Oldenburg wechselt, machte sein Team nachweislich deutlich besser. Ohne ihn war Den Bosch bei Weitem nicht so gut wie mit ihm. Ähnliches bei Williamson. Wenn wir auf das Net-Rating von Kier schauen, war er in allen Saisons im unteren Bereich. Er ist dementsprechend den Beweis, dass er ein Team besser machen kann, noch absolut schuldig geblieben. Bisher waren seine Teams tatsächlich effektiver, wenn er nicht gespielt hat, und das gefällt mir nicht. Das ist auch ein Punkt, welchen ich bspw. bei Patrick Cartier als enorm positiv hervorgehoben habe. Dementsprechend muss hier in der kommenden Saison eine deutliche Entwicklung von Kier kommen, sonst kann seine Reise in Ludwigsburg schnell wieder beendet sein. Die Skills sollte er haben. Wenn er diese nun in einem Team, in welchem er gefordert und gefördert wird, gehen kann, dann kann Justin Kier und Ludwigsburg eine richtig gute Geschichte werden. Allerdings sehe ich eben dieses extreme Risiko durch das, in meinen Augen, verlorene Jahr und die absolut unterdurchschnittlichen Net-Ratings. Ich sehe das Potenzial ohne Zweifel; die Risiken, welche ich sehe, überwiegen für mich aktuell allerdings noch. Ich hoffe und wünsche mir, dass Justin Kier mich eines Besseren belehrt.
Nachtrag 04.07.2026 – 15:30 Uhr
Eine Statistik die ich noch gefunden habe war der Auftritt von Kier beim letztjährigen TBT Turnier. Dabei spielte er 33 Minuten, legte 14 Punkte auf (4-10 3er), holte 5 Rebounds und spielte 5 Assists.

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